Montag, 14. Juli 2014

Kurzgeschichtensammlung

Diese zusammenhängende Sammlung von Kurzgeschichten entstand für einen Schreibwettbewerb in einem Fairy Tail Forum. Das Thema des Wettbewerbs war "Wasser, Wind und Wellen", was von mir in drei eigenständigen Geschichten umgesetzt wurde, die ein gemeinsames Ende haben. Ich hoffe, es ist mir gelungen, das Thema gut zu treffen!


Wellen

Ein leises Rauschen in der Ferne, ein salziger Geruch in der Luft, das Schreien von Möwen, die im strahlend blauen Himmel ihre Kreise ziehen. Die Bucht von Hargeon könnte traumhafter nicht sein. Im Hafen knarschten ein paar Schiffe unter der Last ihrer Besatzung, in der Marina hatten sich Angler und Seefahrer versammelt, um den neusten Klatsch und Tratsch auszutauschen und ihre Waren an den Mann zu bringen.

Es könnte so ein schöner Tag sein, so ein wunderbarer Tag, den man in vollen Zügen genießen und an den man sich danach für lange Zeit erinnern sollte.

Könnte es.

Hätte man nicht seine Familie verloren.

Romeo stand auf einer Anhöhe und überblickte mit bitterer Miene den Hafen. Sieben Jahre war es jetzt her, dass die Leute, die zur S-Class-Prüfung nach Tenroujima aufgebrochen sind verschwunden waren. Sieben Jahre, in denen sie immer wieder nach ihnen gesucht hatten, bei den anderen Gilden auf der Türschwelle um Hilfe gebeten hatten, in denen sie sogar zum Rat gegangen waren, schon kurz davor waren, sich auch an dunkle Gilden zu wenden...

Sieben Jahre, die nun ihren Preis gefordert hatten.

Er hatte versucht, stark zu bleiben.

Im ersten Jahr war es besonders schlimm. Sie alle hatten noch die Hoffnung, ihre Freunde lebend wiederzusehen. Glaubten, dass der Angriff des schwarzen Drachen, von denen ihnen die Ratsmitglieder berichtet hatten, schon nicht so schlimm gewesen sein konnte. Immerhin waren drei Dragon Slayer mit auf der Insel, nicht wahr? Und Natsu-nii war schon immer der coolste und stärkste Magier gewesen, den er gekannt hatte! Er würde das schon machen. Er hatte sie bestimmt alle in Sicherheit gebracht und sie brauchten nur etwas, um wieder nach Hause zu finden.

Im zweiten Jahr begannen einige, mit der Suche aufzugeben. Immer mehr Leute wandten sich von der Gilde ab, kehrten dem Ort den Rücken, den sie einst ihr Zuhause, ihre Zuflucht nannten. Romeo verfluchte sie dafür. War es das, was sie von einer Familie erwarteten?! In guten Zeiten steht man sich bei, in schlechten Zeiten verrät man einander?! Jeder einzelne von ihnen konnte zur Hölle fahren, oder besser noch, von diesem verdammten schwarzen Drachen gefressen werden!

Im dritten Jahr bekam Romeo selbst auch Zweifel. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber er hatte keine andere Wahl. Sie mussten die Suche aufgeben, denn niemand hatte noch die Kraft, weiter aufs Meer zu fahren und nach den Freunden zu suchen, die nun schon so lange verschwunden waren. Auch die Hilfe der anderen Gilden ebbte immer mehr ab. Romeo erinnerte sich noch zu gut daran, als sie die erste Kondolenzkarte bekamen. „Wir stehen euch immer bei“ hieß es dort. Lachhaft! Sie behaupten, immer für einen da zu sein, aber lassen einen dann im Stich, wenn man sie am meisten brauchte. Genau wie... Natsu-nii...

Im vierten Jahr begann Romeo, sich komplett zu verändern. Er verschloss die Tränen, die er jede Nacht geweint hatte, ebenso wie das Lachen, mit dem er früher so oft das Gildengebäude erfüllt hatte. Das hatten sie bereits an die Stadt verloren, nachdem sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Er erinnerte sich noch gut an den Streit, den er mit seinem Vater gehabt hatte. Seinem Vater, dem neuen Gildenmeister... das konnte er einfach nicht akzeptieren! Sein Vater? Der Tunichtgut, der sich lieber alleine betrank, statt auf Mission zu gehen?! Dieser Mann sollte nun die Gilde leiten, die in diesen Zeiten jemanden brauchte, der ihnen allen Mut und Stärke beweisen musste?!

Erst im fünften Jahr verstand Romeo, warum sein Vater sich betrunken hatte. Immer mehr Gilden schossen aus dem Boden, um die Lücke zu füllen, die durch das Verschwinden von Natsu und den anderen geschaffen wurde. Fairy Tail, einst die stärkste Gilde im ganzen Land, war nun nur noch eine Lachnummer. Sie hatten schon mehrfach ihr Glück bei den Daimatou Enbu versucht, dem Wettkampf, den das Königreich nun veranstaltete, um die stärkste Gilde zu küren. Er hatte sie dafür verflucht, dass sie so einen Wettkampf genau dann ins Leben rufen, wenn diejenigen, die daran am meisten Spaß haben würden, ihn nicht mehr miterleben können.

Sie hatten für ihre vermissten Kameraden nie Gräber geschaufelt, weil sie zu Beginn immer noch darauf gehofft hatten, sie lebendig wieder zu sehen. Irgendwann hatte es niemand mehr übers Herz gebracht, noch ein Grab auszuheben, eins nach dem anderen, für jeden einzelnen von ihnen. Sie hatten auch versucht, Kontakt zu Laxus aufzunehmen, aber konnten ihn nirgendwo erreichen. Jet hatte spekuliert, dass er auch bei den anderen gewesen sein könnte, dass er doch sonst nach Hause gekommen sein müsste, zurück zu seiner Gilde, zu dem Ort, an dem er aufgewachsen und zum Mann geworden war...

Damals hatte Romeo das nicht verstanden.

Zum Mann geworden? Was sollte das heißen? Ab wann war man ein Mann, wie lange war man ein Kind? Merkte man selbst den Unterschied, oder war es einfach eines Tages so weit, dass man als Mann angesehen wurde?

Im sechsten Jahr wurde ihm klar, dass er keine Wahl hatte. Ob er bereits zum Mann geworden war, oder ob er noch ein Kind war – er musste nun ein Mann sein. Er musste auch auf Missionen gehen, ein Magier werden, der den Namen der Gilde in Ehren hält. Ehre, die niemanden mehr interessierte.

„Fairy Tail? Diese Lachnummer? Die sollen mal schön auf ihrem Hügel da oben bleiben und Gemüse anbauen! Ich geh mit meinem Auftrag lieber zu Sabertooth!“

„Fairy Tail? Muss man die kennen? Hab ich noch nie was von gehört.“

„Fairy Tail? Ach ja, irgendwann waren die doch mal ganz bekannt... war wohl auch nur so eine Modeerscheinung.“

Wie er sie gehasst hatte.

Wie er sie alle verflucht hatte.

Im siebten Jahr entdeckte er seine Magie für sich. Ging zu einer Schule, ohne dass sein Vater etwas davon mitbekommen sollte. Und er begann, sich so anzuziehen wie Natsu. Der Salamander war tot. Mit ihm gingen die Sterne unter, bedeckt unter einer eisigen Schicht aus Klingen. Natsu war tot. Doch der Salamander sollte leben.

So stand er nun hier, voller Stolz das Gildensymbol auf dem Arm, über das sich alle lustig machten, bei dessen Anblick alle tuschelten und sich die Hand vor den Mund hielten. Er stand da und beobachtete das Meer. Das Meer, das eigentlich so schön sein sollte, so einen wunderbaren Anblick bieten sollte.

Doch für ihn war das Meer nur der Tod. Der Tod und der Verlust seiner Familie.

Er wandte sich ab und ging zu Alzack und Bisca, die schon auf ihn warteten.

Hätte er nur einen Moment länger dort gestanden... nur noch einen Moment die Schönheit genossen... Dann hätte er gesehen, wie in der Ferne ein gleißendes Licht erstrahlte, dort, wo einst Tenroujima lag.

~*~*~*~*~

Wasser

Hohe Wellen krachten gegen die Klippen, türmten sich auf, überschlugen sich, brachen zusammen. Der nächste Wellenturm wurde erbaut und abgerissen, immer und immer wieder. Unbändiger Regen prasselte auf die Erde hinab, hüllte die Welt in ein finsteres Grau.

Lucy saß in einem Café in Hargeon und starrte aus dem Fenster. Sie war hierher zurückgekehrt, um über einige Dinge nachzudenken. Das hier war der Ort, an dem sie das erste Mal auf Natsu und Happy getroffen war. Der Ort, an dem alles angefangen hat...

Was sich seitdem doch alles verändert hatte.

Aus dem Restaurant, in das sie Natsu damals eingeladen hatte, war nun ein schickes Café geworden. Sie saß auf einer bunten Ledercouch und rührte gedankenverloren mit einem langen Löffel in ihrem Getränk. Außer ihr war nur noch ein älterer Herr anwesend, der den Kopf tief in einer Zeitung vergraben hatte und keine Anstalten machte, etwas zu bestellen, auch wenn er seinen Kaffee schon seit über einer Stunde geleert hatte.

Von diesem Ort aus waren sie zu so vielen Abenteuer aufgebrochen.

Von hier aus hatte Natsu sie mitgenommen, damit sie ein Mitglied von Fairy Tail werden konnte. Damit begann ihr größtes Abenteuer, das noch immer nicht vorbei war.

Von hier aus waren sie auch damals auf die Insel Galuna gefahren, auf der sie gegen Lyon, Grays Freund aus der Vergangenheit antreten mussten.

Und von hier aus waren sie nach Tenroujima aufgebrochen, um an der S-Class-Prüfung teilzunehmen und ihr Können als Magier unter Beweis zu stellen. Niemand von ihnen hätte damals gedacht, dass sie sieben Jahre brauchen würden, um wieder nach Hause zu kommen. Dass sie zu einer Welt zurückkehren würden, die sich so sehr verändert hatte, in der sie kaum noch zuhause waren, auch wenn keiner von ihnen sich auch nur ein bisschen verändert hatte.

Eine Welt, in der Lucy keine Eltern mehr hatte.

Nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Vater gestorben war, war sie erst mit Natsu und Happy nach Magnolia zurückgekehrt und hatte eine Mission angenommen, um auf andere Gedanken zu kommen. Doch danach hatte sie sich von den beiden verabschiedet und allein den Zug nach Hargeon genommen, um sich über ein paar Dinge klar zu werden.

Sie musste etwas Abstand gewinnen.

Abstand zu der Gilde, die ihr zwar wie ein Zuhause war, deren Mitglieder für sie eine Familie waren, aber doch die echte Familie in Zeiten wie diesen nicht ersetzen konnten.

Abstand zu Natsu und Happy, die es nur gut meinten mit ihren Worten, aber die einfach nicht wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten. Sie wollte nicht mit Samthandschuhen angefasst und in Watte eingepackt werden. Sie wollte einfach nur sie selbst sein.

Lucy Heartfilia... Tochter von Jude und Layla Heartfilia.

Lucy... das Kind des Glücks, wie ihr Vater es ihr erklärt hatte. Aus der Liebe ihrer Eltern geboren und mit dem Glück versehen, auch noch jedes Hindernis zu übewinden, egal, wie groß es sein mochte oder wie tief der Abgrund auch war, der sich vor ihr auftat.

„Wenn ihr euch da mal nicht geirrt habt...“, murmelte sie nachdenklich, den Blick immer noch stur auf das Fenster gewandt. Immer noch regnete es in Strömen, sie konnte selbst hier das Tosen der Wellen und das Rauschen des Windes hören. Ein Sturm wie dieser passte nahezu perfekt zu dem Sturm, der in ihr selbst tobte.

Damals, als ihre Mutter gestorben war, ging es ihr ähnlich. Auch damals hatte sie niemanden, der sie wirklich verstand. Die Diener des Hauses waren zwar für sie da, aber sie waren eben doch nur Diener, keine Freunde für ein kleines Mädchen. Ihr Vater verdrängte seine Trauer, indem er sich beinahe zu Tode arbeitete. Die einzigen, die bei ihr waren, waren die Stellargeister ihrer Mutter, doch für ein kleines Mädchen, das keine Erfahrung mit der Magie hatte, war es ein zu großer Kraftaufwand, einen der Goldenen Schlüssel zu aktivieren. Und so war sie ganz allein...

Heute war sie wieder allein. Blickte hinaus auf das Meer, dass so aufgewühlt war, als wollte es sie dazu bringen, ebenso all ihre Emotionen hinauszulassen, alles, was sie bedrückte, einfach in die Welt hinauszuschreien.

Lucy fasste an ihre Seite, griff einen der Schlüssel aus ihrem Etui und ließ ihn am hinteren Ende zwischen zwei Fingern gehalten vor ihrem Gesicht hin und her baumeln. Pyxis... der Geist der Himmelsrichtungen. Das letzte Geschenk, das ihr Vater ihr gemacht hatte, bevor er gestorben war.

Gestorben...

Lucy steckte den Schlüssel wieder ein, legte einen Geldschein auf den Tisch und verließ das Café, ohne auf die warnenden Worte der Bedienung zu hören, dass es gefährlich sei, bei so einem Sturm hinauszugehen.

Sie ging normal los, wurde mit jedem Schritt schneller, irgendwann rannte sie nur noch. Sie rannte dem Wind und dem Regen entgegen, spürte jeden Tropfen auf ihrer Haut, als wäre es ein Nagel, der sich in ihr Fleisch bohrte. Jeder Stich schmerzte, der Wind nahm ihr die Sicht, doch das war ihr egal. Sie rannte bis zu einer Klippe, wo sie sich dem tosenden Meer entgegen stellte.

„Wie konntest du mich einfach so allein lassen, Papa?!“, brüllte sie mit aller Kraft, die sie hatte. Ihr Körper bebte, ihre Fingernägel pressten sich in ihre Haut, als sie die Hände zu Fäusten ballte.

„Wieso hast du mir nicht schon viel früher gesagt, wie du wirklich für mich empfindest?! Warum musstest du erst glauben, dass ich tot bin, damit du deiner Tochter sagen kannst, dass du sie liebst?!“

Heiße Tränen vermischten sich mit dem kalten Regen, beides rann gemeinsam Lucys Körper herunter. Die Wut in ihr ließ sie erglühen, auch wenn der Sturm sie vor Kälte und Nässe zittern ließ.

„Warum, verdammt noch mal, bist du nicht mehr da, wo ich dich doch brauche?!“

Sie sank auf die Knie, überkreuzte die Arme vor der Brust und krallte sich mit den Fingern in die Schulterblätter. Es schmerzte, als sich ihre Fingernägel in die nasse Haut gruben, doch es schmerzte nicht so sehr, wie all das Leid und die Qualen, die sie in sich trug.

„Und warum...“, schluchzte sie, heiser und kraftlos, so leise, dass sie es nicht einmal mehr selbst bei all dem Wind hören konnte, „Warum kann ich dir trotzdem nicht böse sein... Papa...“

Die Wut wich nun langsam Trauer. Trauer, dass sie sich nicht richtig von ihrem Vater verabschieden konnte. Dass sie ihm nicht einmal verziehen hatte, bevor sie verschwunden war und er glauben musste, dass sie tot war. Und dass sie sich nicht mehr vertragen hatten, bevor er wirklich gestorben ist. Es war alles so ungerecht... einfach nur ungerecht...

Als sich der Regen lichtete und nur noch einem leichten Schauer glich, der Wind zu einer steifen Brise wurde und das Meer sich wieder beruhigte, spürte Lucy eine warme Hand, die sich auf ihre Schulter legte.

Natsu.

Er war auch komplett durchnässt, musste also auch bei dem Sturm draußen gewesen sein. Ob er sie gesucht hatte? Waren er und Happy ihr etwa doch bis hierher gefolgt, obwohl sie gesagt hatte, dass sie allein muss? Obwohl sie ihnen nicht einmal verraten hatte, wo sie hinwollte?

Lucy wollte etwas sagen, doch Natsu schüttelte nur den Kopf.

„Ich weiß genau, wie sich das anfühlt.“

Mehr musste er nicht zu sagen, damit Lucy verstand. Auch Natsu hatte seinen Vater verloren. Er hatte Igneel verloren, den einzigen Vater, den er je kannte. Und auch, wenn er immer noch die Hoffnung hatte, dass Igneel irgendwo da draußen auf ihn wartete, irgendwo noch am Leben war, so wusste er doch, wie es sich anfühlte, seinen Vater zu verlieren. All diese Wut, all diesen Zorn, all diese Trauer... Natsu hatte all das schon einmal gefühlt.

Er half Lucy auf die Beine, doch sie stand erst noch etwas wacklig. Das Schreien und Weinen hatte sie viel Kraft gekostet und die Kälte, die nun komplett von ihrem nassen Körper Besitz ergriffen hatte, tat ihr Übriges. Natsu griff nach einer Decke, die er in seinem Rucksack hatte, und legte sie ihr über.

„Sie riecht nach ihm...“, dachte Lucy sich, als der warme Stoff ihre Haut berührte, wieder Wärme dorthin brachte, wo sie am nötigsten war.

Da Lucy kaum stehen konnte, geschweige denn stark genug war, um zu gehen, ging Natsu in die Knie und bot ihr an, sie auf dem Rücken zu tragen. Lucy nahm das Angebot an und ließ sich von ihm Huckepack tragen. Natsu war still, machte keinen Kommentar darüber, dass sie zugenommen hatte, oder dass ihre Brüste im Weg waren, wenn er sie tragen wollte. Lucy zog die Decke noch etwas fester, legte einen Arm um Natsus Oberkörper und ließ ihren Kopf auf Natsus Schultern zur Ruhe kommen.

„Du hast was gut bei mir, Natsu“, murmelte sie erschöpft, hatte die Augen bereits geschlossen.

„Ach Quatsch“, erwiderte Natsu sofort, „dafür ist die Familie doch wohl da?“

Familie... Lucy seufzte und rügte sich innerlich selbst dafür, dass sie vorhin noch gedacht hatte, dass die Familie, die sie in der Gilde gefunden hatte, nicht an die Familie herankommen könnte, die sie verloren hatte.

Egal, ob man blutsverwandt war oder nicht, oder ob der Vater ein Mensch oder ein Drache war... die Gefühle, die man füreinander hat, sind dieselben.

„Du hast recht. Danke...“, flüsterte sie nur noch.

Natsus Antwort bekam sie schon nicht mehr mit, denn sie war zu erschöpft. Stattdessen glitt sie in einen wunderbaren Traum über. Ein Traum, in dem ihre beiden Familien glücklich vereint waren.

~*~*~*~*~

Wind

Strahlender Sonnenschein und warme Luft umspielten ihre Flügel, die wenigen Wolken, die den Himmel bedeckten, umflog Charle, als wäre es ein Spiel, eine Kleinigkeit, die in ihr steckte wie das Atmen oder das Laufen. Sie drehte Saltos, stieg hoch hinauf in den Himmel, nur, um sich dann in die Tiefe hinabfallen zu lassen, die Flügel anzulegen, dem Boden immer näher zu kommen, die Flügel im letzten Moment aufzuspannen – und emporzusteigen, höher und höher, nur, um es immer wieder von Neuem zu versuchen, ihre Grenzen auszutesten.

Diese Freiheit hatte ihr gefehlt. Nach all dem Chaos auf Tenroujima und dann danach beim Daimatou Enbu hatte sie mal wieder etwas Zeit für sich gebraucht. Es war alles beinahe wie Schlag auf Schlag gefolgt, kaum ein Augenblick, in dem nicht ein Teil ihrer Welt oder gleich das gesamte Land unterzugehen drohte.

Die Drachen, die durch das Eclipse-Tor gekommen waren und gedroht hatten, das gesamte Land zu zerstören... das war ein Anblick, den Charle nie wieder vergessen würde.

Sie hatte inzwischen etwas mehr Kontrolle über ihre Visionen erlangt, nachdem sie während der Zeit in Crocus immer wieder mit Bildern einer Zukunft zu kämpfen hatte, die glücklicherweise nie eingetreten war. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass die Bilder, die sie gesehen hatte, Bilder aus der Zukunft waren, aus der die andere Lucy gekommen war... Bilder einer Zukunft, in der bereits alles verloren war. Solche Bilder wollte sie nicht sehen. Es musste einen Weg gehen, Bilder zu sehen, mit denen sie die Zukunft retten konnte, bevor es so weit war.

„Eine Zukunft mit Wendy...“, murmelte sie, so leise, dass sie es selbst kaum hörte und so unbewusst, dass sie gar nicht merkte, dass sie es laut aussprach.

Als sie die nächste Wolke umflog, darum einen größeren Bogen machte, als nötig gewesen wäre, viel ihr in der Ferne eine merkwürdig bekannte Gestalt auf, die zu Boden zu rasen schien. Charle kniff die Augen zusammen, versuchte, zu erkennen, um wen es sich handeln konnte... und realisierte erst, als sie die Person schreien hörte, dass sie dringend helfen musste.

Schnell brachte sie ihre Flügel auf die volle Spannweite und schlug mehrmals kräftig zu, um genug Schwung zu bekommen. Es dauerte so nicht lange, bis sie die Distanz, die zwischen ihr und der fremden Gestalt überwunden hatte, doch fiel diese schneller, als Charle sie eingeholt hätte. Also legte sie ihre Flügel an, wie sie es vorhin schon aus Spaß getan hatte, schoss dem Boden entgegen, fing die Gestalt auf, breitete ihre Flügel aus – doch zu zweit war sie zu schwer, um sich genug abbremsen zu können.

Sie gingen beide zu Boden, rollten einige Meter über den moosigen Waldboden unter ihnen, bis sie auf einer Lichtung zum Stehen kamen. Charle ächzte und stieß ein schmerzerfülltes Keuchen auf, war aber dem Schicksal dankbar dafür, dass sie über einem Wald abgestürzt war und nicht über einem Berg.

Als sie den Blick zu der Gestalt schwenken ließ, die sie gerettet hatte, blieb ihr jedoch der Atem weg.

„... du!“

Bei der Gestalt handelte es sich um niemand anderen als Shagotte, die Königin der Exceed aus der anderen Welt Edolas! Diese Person, bei der sie schon immer so ein komisches Gefühl gehabt hatte, wenn sie in ihrer Nähe war, bei der sie sich schon immer gleichzeitig unwohl und doch so verwirrend geborgen gefühlt hatte...

Shagotte rappelte sich auf und hob ihr Kleid an, um die Schürfwunde an ihrem Knie zu betrachten, die sie sich beim Sturz zugezogen hatte. Es war keine schwere Verletzung, aber es würde ihr das Laufen definitiv erschweren. Und in ihrem Zustand, mit nur einem Flügel, war sie auch nicht in der Lage, zu fliegen. Immerhin hatte der Versuch dazu sie überhaupt erst in diese Lage gebracht...

„Du... was machst du hier?! Und wo ist deine ganze Gefolgschaft, hm?!“

Charle konnte sich selbst nicht erklären, warum sie immer so bissig wurde, wenn Shagotte in der Nähe war. Aber diese Mischung aus so unterschiedlichen Gefühlen, die sie empfand, wenn sie
Shagotte auch nur ansah, war zu viel für sie.

Das sollte ein entspannender Tag werden, etwas Ruhe nach all dem Chaos der letzten Wochen. Ein bisschen die Flügel ausbreiten und einfach nur dem Wind lauschen, während er die Ohren im Flug umspielt... wieso musste es nun so weit kommen?

„Charle...“, meinte Shagotte bedeutungsschwanger, als hätte sie bereits damit gerechnet, an diesem Ort, zu dieser Zeit auf Charle zu treffen. Und da auch Shagotte dazu in der Lage war, Visionen zu sehen, war sich Charle sicher, dass sie genau das schon vorher gewusst hatte. Ob sie darauf gebaut hatte, von Charle gerettet zu werden? War sie am Ende etwa nur ein Spielstein in ihrem Spiel? Sollte es wieder so werden wie in Edolas, wo Charle von Visionen geleitet wurde, die sie nicht verstand, nur dass sie diesmal nicht diejenige war, die sie sehen konnte?!

Shagotte stand auf, doch knickte sie sofort wieder zusammen, weil die Schmerzen in ihrem Bein doch zu stark waren. Für einen Augenblick zögerte Charle, wollte am liebsten sofort wieder umkehren, auf der Stelle zurück nach Magnolia fliegen und einfach alles vergessen. Schön mit Wendy plaudern, sich von Happy einen stinkenden Fisch andrehen lassen, über die anderen in der Gilde lachen, die sicher wieder irgendeinen Unfug anstellten...

Aber sie tat es nicht. Stattdessen stieß sie einen tiefen Seufzer aus, ging zu Shagotte hinüber und bot ihr ihre Schulter an, um sich darauf abzustützen. Die Königin der Exceed sah die kleinere Katze verwundert an, widersprach aber nicht, sondern nahm die Schulter dankend an.

Die beiden gingen so ein kleines Stück, bis sie zu einem Felsvorsprung gekommen waren, der am Rand der Lichtung emporragte. Er lag zur Hälfte im Schatten, zwischen den Blättern der Bäume schienen einige Sonnenstrahlen hindurch, die ein beinahe magisches Muster auf den Stein zeichneten, dass sich mit jedem Windhauch veränderte.

Charle half Shagotte dabei, sich auf den Vorsprung zu setzen und setzte sich dann selbst neben sie – nicht aber, ohne einen gewissen Abstand zu wahren und ihr den Rücken zuzukehren.

„... du hast meine Frage nicht beantwortet“, raunte Charle nach einiger Zeit des Schweigens.

„Welche Frage?“

„Was du hier machst.“

Shagotte hielt kurz inne, nickte dann aber, als wollte sie sich selbst die Erlaubnis dazu geben, weiter zu sprechen.

„Ich... wollte fliegen.“

Charle blickte auf, drehte sich halb zu Shagotte um, sodass sie deren Gesichtsausdruck sehen konnte. Auf dem Gesicht der Königin war nun keine royale Miene mehr zu seine, kein Lächeln, das nichts verriet – es war das Gesicht einer Person, die daran gescheitert war, sich einen Traum zu erfüllen. Charle schnürte sich das Herz in der Brust zusammen, als sie diesen Anblick sah. Sie wollte es nicht, doch sie konnte nicht anders, als Mitleid zu empfinden. Mitleid für diese arme Frau, deren Wunsch ihr verwehrt wurde, weil die Natur sie anders werden ließ als die anderen...

„Wieso... wolltest du fliegen?“

Es dauerte einige Minuten, in denen keine von beiden ein Wort sagte, bis Charle sich traute, diese Frage zu stellen. Sie fürchtete, dass sie darauf keine Antwort kriegen würde, dass diese Frage zu schmerzhaft war, zu tief in der Wunde bohrte.

Doch zu ihrer Überraschung erntete sie keinen Zorn, keine Wut, die ihr mit bösen Worten entgegen geschleudert wurde.

Nein, all das blieb ihr erspart.

Stattdessen sah Shagotte sie an, schenkte ihr ein warmes, herzerfüllendes Lächeln, das Charle einen wohligen Schauer über den Rücken laufen ließ. Dieses Lächeln... ihr war, als hätte sie es irgendwo schon einmal gesehen. Es war schon lange, lange her. In einem Traum vielleicht...

„Weißt du das denn nicht selbst?“

Als Shagotte diese Worte sagte, blickte sie erst Charle an und sah dann hinauf in den Himmel. Dieser war immer noch so wunderschön blau und von der strahlenden Sonne erleuchtet wie zuvor, als hätte er gar nicht bemerkt, dass sie hier unten waren, ihn abrupt verlassen und gegen die einengende Erde eingetauscht hatten.

Charles Blick blieb lange am Himmel hängen, folgte einem Vogel, der in die Ferne davon flog, einer Wolke, die sich zu Formen veränderte, den Charle Namen geben wollte, wie sie es so oft mit Wendy getan hatte, als sie beide noch kleiner gewesen waren und im Gras gelegen hatten. Sie merkte dabei nicht, wie Shagotte sie ansah, dabei immer noch lächelte, aber ein Lächeln auf den Lippen trug, das auch von Trauer gezeichnet war.

Die Trauer, sein Kind zu sehen, das nicht weiß, dass es seine Mutter vor sich hat.

Die Trauer, ein Kind zu sehen, dass bereits zu einer Frau geworden ist und sein eigenes Leben lebt, ohne dass man daran teilhaben darf...

Als sie am Morgen die Vision gesehen hatte, dass sie auf Charle treffen wird, die sie retten wird, hatte sie überlegt, einfach den Versuch, heute alleine zu fliegen, sein zu lassen. Sie wollte sich nicht damit quälen müssen, nicht fliegen zu können und noch dazu auf ihre Tochter zu treffen, der sie immer noch nicht die Wahrheit sagen kann. Auch sieben Jahre nach ihrem letzten Aufeinandertreffen noch immer nicht...

Aber der Ruf des Windes hatte sie zu sehr in ihren Fängen, als dass sie hätte widerstehen können. Heute war der einzige Tag, wo es ihr möglich gewesen ist, sich davon zu schleichen, ohne dass es jemand bemerkt. Der einzige Tag in einer unbekannten, ewig langen Zeit, der sich ihr bieten würde, um selbst zu fliegen, selbst den Himmel zu entdecken. Ohne gestützt werden zu müssen und sich von allen wie eine Königin auf einer Sänfte behandeln lassen zu müssen.

„... wenn du willst.“

Shagotte schreckte auf, sah Charle verwundert an. Sie war so in ihren Gedanken verloren gewesen, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, dass Charle etwas gesagt hatte.

„Entschuldigung, ich war kurz abwesend. Was hast du gesagt?“

Charle rümpfte die Nase, wiederholte aber brav noch einmal, was sie gesagt hatte: „Ich sagte, ich werde dich nach Hause bringen, wenn du willst.“

Für einen Moment wusste Shagotte nicht, wie sie darauf reagieren sollte, doch bevor ihre Gedanken überhaupt so weit waren, diese Tatsache zu verarbeiten, handelte ihr Körper von alleine. Sie ließ sich von Charle stützen und beide breiteten ihre Flügel aus. Shagotte fühlte, wie Charles Flügel sich über ihren Rücken legte, die beiden wie Eins waren, als sie in den Himmel emporstiegen.

Als sie über die Baumkronen stiegen und wenig später hoch genug waren, um die gesamte Landschaft überblicken zu können, bleib Shagotte der Atem weg. Es war so wunderschön... das war das Gefühl, nachdem sie sich so lange gesehnt hatte. Frei sein. Fliegen. Eins sein mit dem Wind. Doch sie war nun mit etwas noch viel Besserem Eins – mit ihrer Tochter, die neben ihr war, ein Lächeln auf den Lippen, als hätte sie erkannt, wie wichtig es Shagotte war, zumindest dieses eine Mal in ihrem Leben durch die Lüfte zu fliegen, ohne dabei die Königin der Exceed oder die Herrscherin von Extalia zu sein.

Einfach nur Shagotte – eine einfache Frau, die frei sein wollte.

Beide schlossen die Augen und ließen sich vom Wind tragen. Wohin er sie auch führen mochte, es war egal. Sie waren frei.

~*~*~*~*~

Epilog – Wasser, Wind und Wellen

Graue Wolken verdeckten die Sonne, tauchten den Hafen von Hargeon in ein schummriges Licht. Das Meer rauschte, peitschte manchmal gegen die Klippen, aber war nicht stark genug, um sich gegen die gewaltigen Felsen des Landes zu behaupten.

Natsu und Lucy standen auf einer Klippe und überblickten das Meer. Natsu hatte seinen Arm um Lucys Schultern gelegt und lächelte, Lucy trug den Schal, den Natsu einst von Igneel geschenkt bekommen hatte. Eine Hand hatte sie auf ihrer rechten Schulter liegen, die Finger waren mit denen von Natsu verschlungen, die andere ruhte auf ihrem deutlich gewölbten Bauch.

„Erinnerst du dich noch? Hier hat alles angefangen...“, murmelte Natsu, beinahe zu melancholisch für einen Hitzkopf wie ihn. Er fuhr sich mit seiner freien Hand durch die Haare und über seinen Bart, bevor er sie wieder in der Hosentasche verschwinden ließ.

„Ja...“, antwortete Lucy, als sie ihren Kopf an Natsus Schulter lehnte und die Augen schloss, „Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal mit so einem Idioten wie dir zusammenkomme.“

Natsu wollte sich verteidigen, brachte aber nicht mehr als ein gespielt empörtes „Ey!“ heraus, bevor er seinen Kopf auf Lucys sinken ließ und ebenfalls die Augen schloss.

So standen die beiden da, in ihrer eigenen kleinen Welt, an dem Ort, an dem alles begann und an dem Natsu Lucy vor so langer Zeit daran erinnert hatte, wie stark ihre Gefühle für ihn gewesen waren.

Sie merkten dabei gar nicht, dass Romeo auf sie zukam. Aus dem Jungen war ein junger Mann geworden, der seinem Vater in dessen besten Tagen zum Verwechseln ähnlich sah. Einzig und allein den Schal, den er sich im Andenken an Natsu während der schwarzen sieben Jahre, wie die Gilde sie getauft hatte, zugelegt hatte, trug er noch, das letzte Zeichen einer Zeit, in der er nicht er selbst sein konnte, sondern für seine Familie jemand anderes, jemand stärkeres sein musste.

Er blieb einen Moment hinter ihnen stehen, bevor er sich räusperte, um so ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

„Ich will ja nicht stören, aber es geht bald los. Ihr wollt sicher nicht ihren Zorn auf euch ziehen, wenn ihr zu spät zu der Feier kommt, oder?“

Natsu zuckte zusammen, doch Lucy lachte nur und erwiderte: „Nein, das wollen wir wirklich nicht. Und von der Erdbeertorte will ich auch noch was abhaben. Also sollten wir uns lieber auf den Weg machen.“

Zu dritt gingen sie in Richtung der Stadt, wo sie von Charle, Happy und ihren beiden Töchtern bereits erwartet wurden. Je weiter sie gingen, desto mehr ihrer Freunde schlossen sich ihnen an. Gray, Juvia, Wendy, Gajeel, Levy, Lily, ja, sogar einige der Exceed waren gekommen und ein paar Mitglieder der anderen Gilden wollten diesen großen Tag auch nicht verpassen.

Sie alle gingen gemeinsam zur Marina und versammelten sich dort auf einem Schiff, dessen schneeweiße Segel im Schein der Sonne, die gerade ihren Weg hinter den Wolken hervor gefunden hatte, leuchteten, als wären sie aus Eiskristallen. Erst, nachdem die gesamte Gruppe sich auf dem Schiff verteilt und in einem Halbkreis aufgestellt hatte, betraten die beiden wichtigsten Personen des Tages das Schiff.

Unter dem Dröhnen von vertrauter Musik schritten sie ein, Seite an Seite, hin zu Makarov, der seine inzwischen komplett weißen Haare heute unter einem ebenso weißen Zylinder verbarg.

„Nun, wo die beiden da sind, können wir ja beginnen“, fing er an, mit seiner gewohnt tiefen, aber freundlichen Stimme. „Wir haben uns heute hier versammelt, um diese beiden Menschen mit dem Wasser, dem Wind und den Wellen als Zeuge zu Mann und Frau zu erklären...“

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