Wellen
Ein leises Rauschen in
der Ferne, ein salziger Geruch in der Luft, das Schreien von Möwen,
die im strahlend blauen Himmel ihre Kreise ziehen. Die Bucht von
Hargeon könnte traumhafter nicht sein. Im Hafen knarschten ein paar
Schiffe unter der Last ihrer Besatzung, in der Marina hatten sich
Angler und Seefahrer versammelt, um den neusten Klatsch und Tratsch
auszutauschen und ihre Waren an den Mann zu bringen.
Es könnte so ein schöner
Tag sein, so ein wunderbarer Tag, den man in vollen Zügen genießen
und an den man sich danach für lange Zeit erinnern sollte.
Könnte es.
Hätte man nicht seine
Familie verloren.
Romeo stand auf einer
Anhöhe und überblickte mit bitterer Miene den Hafen. Sieben Jahre
war es jetzt her, dass die Leute, die zur S-Class-Prüfung nach
Tenroujima aufgebrochen sind verschwunden waren. Sieben Jahre, in
denen sie immer wieder nach ihnen gesucht hatten, bei den anderen
Gilden auf der Türschwelle um Hilfe gebeten hatten, in denen sie
sogar zum Rat gegangen waren, schon kurz davor waren, sich auch an
dunkle Gilden zu wenden...
Sieben Jahre, die nun
ihren Preis gefordert hatten.
Er hatte versucht, stark
zu bleiben.
Im ersten Jahr war es
besonders schlimm. Sie alle hatten noch die Hoffnung, ihre Freunde
lebend wiederzusehen. Glaubten, dass der Angriff des schwarzen
Drachen, von denen ihnen die Ratsmitglieder berichtet hatten, schon
nicht so schlimm gewesen sein konnte. Immerhin waren drei Dragon
Slayer mit auf der Insel, nicht wahr? Und Natsu-nii war schon immer
der coolste und stärkste Magier gewesen, den er gekannt hatte! Er
würde das schon machen. Er hatte sie bestimmt alle in Sicherheit
gebracht und sie brauchten nur etwas, um wieder nach Hause zu finden.
Im zweiten Jahr begannen
einige, mit der Suche aufzugeben. Immer mehr Leute wandten sich von
der Gilde ab, kehrten dem Ort den Rücken, den sie einst ihr Zuhause,
ihre Zuflucht nannten. Romeo verfluchte sie dafür. War es das, was
sie von einer Familie erwarteten?! In guten Zeiten steht man sich
bei, in schlechten Zeiten verrät man einander?! Jeder einzelne von
ihnen konnte zur Hölle fahren, oder besser noch, von diesem
verdammten schwarzen Drachen gefressen werden!
Im dritten Jahr bekam
Romeo selbst auch Zweifel. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber
er hatte keine andere Wahl. Sie mussten die Suche aufgeben, denn
niemand hatte noch die Kraft, weiter aufs Meer zu fahren und nach den
Freunden zu suchen, die nun schon so lange verschwunden waren. Auch
die Hilfe der anderen Gilden ebbte immer mehr ab. Romeo erinnerte
sich noch zu gut daran, als sie die erste Kondolenzkarte bekamen.
„Wir stehen euch immer bei“ hieß es dort. Lachhaft! Sie
behaupten, immer für einen da zu sein, aber lassen einen dann im
Stich, wenn man sie am meisten brauchte. Genau wie... Natsu-nii...
Im vierten Jahr begann
Romeo, sich komplett zu verändern. Er verschloss die Tränen, die er
jede Nacht geweint hatte, ebenso wie das Lachen, mit dem er früher
so oft das Gildengebäude erfüllt hatte. Das hatten sie bereits an
die Stadt verloren, nachdem sie die Miete nicht mehr zahlen konnten.
Er erinnerte sich noch gut an den Streit, den er mit seinem Vater
gehabt hatte. Seinem Vater, dem neuen Gildenmeister... das konnte er
einfach nicht akzeptieren! Sein Vater? Der Tunichtgut, der sich
lieber alleine betrank, statt auf Mission zu gehen?! Dieser Mann
sollte nun die Gilde leiten, die in diesen Zeiten jemanden brauchte,
der ihnen allen Mut und Stärke beweisen musste?!
Erst im fünften Jahr
verstand Romeo, warum sein Vater sich betrunken hatte. Immer mehr
Gilden schossen aus dem Boden, um die Lücke zu füllen, die durch
das Verschwinden von Natsu und den anderen geschaffen wurde. Fairy
Tail, einst die stärkste Gilde im ganzen Land, war nun nur noch eine
Lachnummer. Sie hatten schon mehrfach ihr Glück bei den Daimatou
Enbu versucht, dem Wettkampf, den das Königreich nun veranstaltete,
um die stärkste Gilde zu küren. Er hatte sie dafür verflucht, dass
sie so einen Wettkampf genau dann ins Leben rufen, wenn diejenigen,
die daran am meisten Spaß haben würden, ihn nicht mehr miterleben
können.
Sie hatten für ihre
vermissten Kameraden nie Gräber geschaufelt, weil sie zu Beginn
immer noch darauf gehofft hatten, sie lebendig wieder zu sehen.
Irgendwann hatte es niemand mehr übers Herz gebracht, noch ein Grab
auszuheben, eins nach dem anderen, für jeden einzelnen von ihnen.
Sie hatten auch versucht, Kontakt zu Laxus aufzunehmen, aber konnten
ihn nirgendwo erreichen. Jet hatte spekuliert, dass er auch bei den
anderen gewesen sein könnte, dass er doch sonst nach Hause gekommen
sein müsste, zurück zu seiner Gilde, zu dem Ort, an dem er
aufgewachsen und zum Mann geworden war...
Damals hatte Romeo das
nicht verstanden.
Zum Mann geworden? Was
sollte das heißen? Ab wann war man ein Mann, wie lange war man ein
Kind? Merkte man selbst den Unterschied, oder war es einfach eines
Tages so weit, dass man als Mann angesehen wurde?
Im sechsten Jahr wurde
ihm klar, dass er keine Wahl hatte. Ob er bereits zum Mann geworden
war, oder ob er noch ein Kind war – er musste nun ein Mann sein.
Er musste auch auf Missionen gehen, ein Magier werden, der den Namen
der Gilde in Ehren hält. Ehre, die niemanden mehr interessierte.
„Fairy Tail? Diese
Lachnummer? Die sollen mal schön auf ihrem Hügel da oben bleiben
und Gemüse anbauen! Ich geh mit meinem Auftrag lieber zu
Sabertooth!“
„Fairy Tail? Muss man
die kennen? Hab ich noch nie was von gehört.“
„Fairy Tail? Ach ja,
irgendwann waren die doch mal ganz bekannt... war wohl auch nur so
eine Modeerscheinung.“
Wie er sie gehasst hatte.
Wie er sie alle verflucht
hatte.
Im siebten Jahr entdeckte
er seine Magie für sich. Ging zu einer Schule, ohne dass sein Vater
etwas davon mitbekommen sollte. Und er begann, sich so anzuziehen wie
Natsu. Der Salamander war tot. Mit ihm gingen die Sterne unter,
bedeckt unter einer eisigen Schicht aus Klingen. Natsu war tot. Doch
der Salamander sollte leben.
So stand er nun hier,
voller Stolz das Gildensymbol auf dem Arm, über das sich alle lustig
machten, bei dessen Anblick alle tuschelten und sich die Hand vor den
Mund hielten. Er stand da und beobachtete das Meer. Das Meer, das
eigentlich so schön sein sollte, so einen wunderbaren Anblick bieten
sollte.
Doch für ihn war das
Meer nur der Tod. Der Tod und der Verlust seiner Familie.
Er wandte sich ab und
ging zu Alzack und Bisca, die schon auf ihn warteten.
Hätte er nur einen
Moment länger dort gestanden... nur noch einen Moment die Schönheit
genossen... Dann hätte er gesehen, wie in der Ferne ein gleißendes
Licht erstrahlte, dort, wo einst Tenroujima lag.
~*~*~*~*~
Wasser
Hohe Wellen krachten
gegen die Klippen, türmten sich auf, überschlugen sich, brachen
zusammen. Der nächste Wellenturm wurde erbaut und abgerissen, immer
und immer wieder. Unbändiger Regen prasselte auf die Erde hinab,
hüllte die Welt in ein finsteres Grau.
Lucy saß in einem Café
in Hargeon und starrte aus dem Fenster. Sie war hierher
zurückgekehrt, um über einige Dinge nachzudenken. Das hier war der
Ort, an dem sie das erste Mal auf Natsu und Happy getroffen war. Der
Ort, an dem alles angefangen hat...
Was sich seitdem doch
alles verändert hatte.
Aus dem Restaurant, in
das sie Natsu damals eingeladen hatte, war nun ein schickes Café
geworden. Sie saß auf einer bunten Ledercouch und rührte
gedankenverloren mit einem langen Löffel in ihrem Getränk. Außer
ihr war nur noch ein älterer Herr anwesend, der den Kopf tief in
einer Zeitung vergraben hatte und keine Anstalten machte, etwas zu
bestellen, auch wenn er seinen Kaffee schon seit über einer Stunde
geleert hatte.
Von diesem Ort aus waren
sie zu so vielen Abenteuer aufgebrochen.
Von hier aus hatte Natsu
sie mitgenommen, damit sie ein Mitglied von Fairy Tail werden konnte.
Damit begann ihr größtes Abenteuer, das noch immer nicht vorbei
war.
Von hier aus waren sie
auch damals auf die Insel Galuna gefahren, auf der sie gegen Lyon,
Grays Freund aus der Vergangenheit antreten mussten.
Und von hier aus waren
sie nach Tenroujima aufgebrochen, um an der S-Class-Prüfung
teilzunehmen und ihr Können als Magier unter Beweis zu stellen.
Niemand von ihnen hätte damals gedacht, dass sie sieben Jahre
brauchen würden, um wieder nach Hause zu kommen. Dass sie zu einer
Welt zurückkehren würden, die sich so sehr verändert hatte, in der
sie kaum noch zuhause waren, auch wenn keiner von ihnen sich auch nur
ein bisschen verändert hatte.
Eine Welt, in der Lucy
keine Eltern mehr hatte.
Nachdem sie erfahren
hatte, dass ihr Vater gestorben war, war sie erst mit Natsu und Happy
nach Magnolia zurückgekehrt und hatte eine Mission angenommen, um
auf andere Gedanken zu kommen. Doch danach hatte sie sich von den
beiden verabschiedet und allein den Zug nach Hargeon genommen, um
sich über ein paar Dinge klar zu werden.
Sie musste etwas Abstand
gewinnen.
Abstand zu der Gilde, die
ihr zwar wie ein Zuhause war, deren Mitglieder für sie eine Familie
waren, aber doch die echte Familie in Zeiten wie diesen nicht
ersetzen konnten.
Abstand zu Natsu und
Happy, die es nur gut meinten mit ihren Worten, aber die einfach
nicht wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten. Sie wollte nicht mit
Samthandschuhen angefasst und in Watte eingepackt werden. Sie wollte
einfach nur sie selbst sein.
Lucy Heartfilia...
Tochter von Jude und Layla Heartfilia.
Lucy... das Kind des
Glücks, wie ihr Vater es ihr erklärt hatte. Aus der Liebe ihrer
Eltern geboren und mit dem Glück versehen, auch noch jedes Hindernis
zu übewinden, egal, wie groß es sein mochte oder wie tief der
Abgrund auch war, der sich vor ihr auftat.
„Wenn ihr euch da mal
nicht geirrt habt...“, murmelte sie nachdenklich, den Blick immer
noch stur auf das Fenster gewandt. Immer noch regnete es in Strömen,
sie konnte selbst hier das Tosen der Wellen und das Rauschen des
Windes hören. Ein Sturm wie dieser passte nahezu perfekt zu dem
Sturm, der in ihr selbst tobte.
Damals, als ihre Mutter
gestorben war, ging es ihr ähnlich. Auch damals hatte sie niemanden,
der sie wirklich verstand. Die Diener des Hauses waren zwar für sie
da, aber sie waren eben doch nur Diener, keine Freunde für ein
kleines Mädchen. Ihr Vater verdrängte seine Trauer, indem er sich
beinahe zu Tode arbeitete. Die einzigen, die bei ihr waren, waren die
Stellargeister ihrer Mutter, doch für ein kleines Mädchen, das
keine Erfahrung mit der Magie hatte, war es ein zu großer
Kraftaufwand, einen der Goldenen Schlüssel zu aktivieren. Und so war
sie ganz allein...
Heute war sie wieder
allein. Blickte hinaus auf das Meer, dass so aufgewühlt war, als
wollte es sie dazu bringen, ebenso all ihre Emotionen hinauszulassen,
alles, was sie bedrückte, einfach in die Welt hinauszuschreien.
Lucy fasste an ihre
Seite, griff einen der Schlüssel aus ihrem Etui und ließ ihn am
hinteren Ende zwischen zwei Fingern gehalten vor ihrem Gesicht hin
und her baumeln. Pyxis... der Geist der Himmelsrichtungen. Das letzte
Geschenk, das ihr Vater ihr gemacht hatte, bevor er gestorben war.
Gestorben...
Lucy steckte den
Schlüssel wieder ein, legte einen Geldschein auf den Tisch und
verließ das Café, ohne auf die warnenden Worte der Bedienung zu
hören, dass es gefährlich sei, bei so einem Sturm hinauszugehen.
Sie ging normal los,
wurde mit jedem Schritt schneller, irgendwann rannte sie nur noch.
Sie rannte dem Wind und dem Regen entgegen, spürte jeden Tropfen auf
ihrer Haut, als wäre es ein Nagel, der sich in ihr Fleisch bohrte.
Jeder Stich schmerzte, der Wind nahm ihr die Sicht, doch das war ihr
egal. Sie rannte bis zu einer Klippe, wo sie sich dem tosenden Meer
entgegen stellte.
„Wie konntest du mich
einfach so allein lassen, Papa?!“, brüllte sie mit aller Kraft,
die sie hatte. Ihr Körper bebte, ihre Fingernägel pressten sich in
ihre Haut, als sie die Hände zu Fäusten ballte.
„Wieso hast du mir
nicht schon viel früher gesagt, wie du wirklich für mich
empfindest?! Warum musstest du erst glauben, dass ich tot bin, damit
du deiner Tochter sagen kannst, dass du sie liebst?!“
Heiße Tränen
vermischten sich mit dem kalten Regen, beides rann gemeinsam Lucys
Körper herunter. Die Wut in ihr ließ sie erglühen, auch wenn der
Sturm sie vor Kälte und Nässe zittern ließ.
„Warum, verdammt noch
mal, bist du nicht mehr da, wo ich dich doch brauche?!“
Sie sank auf die Knie,
überkreuzte die Arme vor der Brust und krallte sich mit den Fingern
in die Schulterblätter. Es schmerzte, als sich ihre Fingernägel in
die nasse Haut gruben, doch es schmerzte nicht so sehr, wie all das
Leid und die Qualen, die sie in sich trug.
„Und warum...“,
schluchzte sie, heiser und kraftlos, so leise, dass sie es nicht
einmal mehr selbst bei all dem Wind hören konnte, „Warum kann ich
dir trotzdem nicht böse sein... Papa...“
Die Wut wich nun langsam
Trauer. Trauer, dass sie sich nicht richtig von ihrem Vater
verabschieden konnte. Dass sie ihm nicht einmal verziehen hatte,
bevor sie verschwunden war und er glauben musste, dass sie tot war.
Und dass sie sich nicht mehr vertragen hatten, bevor er wirklich
gestorben ist. Es war alles so ungerecht... einfach nur ungerecht...
Als sich der Regen
lichtete und nur noch einem leichten Schauer glich, der Wind zu einer
steifen Brise wurde und das Meer sich wieder beruhigte, spürte Lucy
eine warme Hand, die sich auf ihre Schulter legte.
Natsu.
Er war auch komplett
durchnässt, musste also auch bei dem Sturm draußen gewesen sein. Ob
er sie gesucht hatte? Waren er und Happy ihr etwa doch bis hierher
gefolgt, obwohl sie gesagt hatte, dass sie allein muss? Obwohl sie
ihnen nicht einmal verraten hatte, wo sie hinwollte?
Lucy wollte etwas sagen,
doch Natsu schüttelte nur den Kopf.
„Ich weiß genau, wie
sich das anfühlt.“
Mehr musste er nicht zu
sagen, damit Lucy verstand. Auch Natsu hatte seinen Vater verloren.
Er hatte Igneel verloren, den einzigen Vater, den er je kannte. Und
auch, wenn er immer noch die Hoffnung hatte, dass Igneel irgendwo da
draußen auf ihn wartete, irgendwo noch am Leben war, so wusste er
doch, wie es sich anfühlte, seinen Vater zu verlieren. All diese
Wut, all diesen Zorn, all diese Trauer... Natsu hatte all das schon
einmal gefühlt.
Er half Lucy auf die
Beine, doch sie stand erst noch etwas wacklig. Das Schreien und
Weinen hatte sie viel Kraft gekostet und die Kälte, die nun komplett
von ihrem nassen Körper Besitz ergriffen hatte, tat ihr Übriges.
Natsu griff nach einer Decke, die er in seinem Rucksack hatte, und
legte sie ihr über.
„Sie riecht nach
ihm...“, dachte Lucy sich, als der warme Stoff ihre Haut berührte,
wieder Wärme dorthin brachte, wo sie am nötigsten war.
Da Lucy kaum stehen
konnte, geschweige denn stark genug war, um zu gehen, ging Natsu in
die Knie und bot ihr an, sie auf dem Rücken zu tragen. Lucy nahm das
Angebot an und ließ sich von ihm Huckepack tragen. Natsu war still,
machte keinen Kommentar darüber, dass sie zugenommen hatte, oder
dass ihre Brüste im Weg waren, wenn er sie tragen wollte. Lucy zog
die Decke noch etwas fester, legte einen Arm um Natsus Oberkörper
und ließ ihren Kopf auf Natsus Schultern zur Ruhe kommen.
„Du hast was gut bei
mir, Natsu“, murmelte sie erschöpft, hatte die Augen bereits
geschlossen.
„Ach Quatsch“,
erwiderte Natsu sofort, „dafür ist die Familie doch wohl da?“
Familie... Lucy seufzte
und rügte sich innerlich selbst dafür, dass sie vorhin noch gedacht
hatte, dass die Familie, die sie in der Gilde gefunden hatte, nicht
an die Familie herankommen könnte, die sie verloren hatte.
Egal, ob man
blutsverwandt war oder nicht, oder ob der Vater ein Mensch oder ein
Drache war... die Gefühle, die man füreinander hat, sind dieselben.
„Du hast recht.
Danke...“, flüsterte sie nur noch.
Natsus Antwort bekam sie
schon nicht mehr mit, denn sie war zu erschöpft. Stattdessen glitt
sie in einen wunderbaren Traum über. Ein Traum, in dem ihre beiden
Familien glücklich vereint waren.
~*~*~*~*~
Wind
Strahlender Sonnenschein
und warme Luft umspielten ihre Flügel, die wenigen Wolken, die den
Himmel bedeckten, umflog Charle, als wäre es ein Spiel, eine
Kleinigkeit, die in ihr steckte wie das Atmen oder das Laufen. Sie
drehte Saltos, stieg hoch hinauf in den Himmel, nur, um sich dann in
die Tiefe hinabfallen zu lassen, die Flügel anzulegen, dem Boden
immer näher zu kommen, die Flügel im letzten Moment aufzuspannen –
und emporzusteigen, höher und höher, nur, um es immer wieder von
Neuem zu versuchen, ihre Grenzen auszutesten.
Diese Freiheit hatte ihr
gefehlt. Nach all dem Chaos auf Tenroujima und dann danach beim
Daimatou Enbu hatte sie mal wieder etwas Zeit für sich gebraucht. Es
war alles beinahe wie Schlag auf Schlag gefolgt, kaum ein Augenblick,
in dem nicht ein Teil ihrer Welt oder gleich das gesamte Land
unterzugehen drohte.
Die Drachen, die durch
das Eclipse-Tor gekommen waren und gedroht hatten, das gesamte Land
zu zerstören... das war ein Anblick, den Charle nie wieder vergessen
würde.
Sie hatte inzwischen
etwas mehr Kontrolle über ihre Visionen erlangt, nachdem sie während
der Zeit in Crocus immer wieder mit Bildern einer Zukunft zu kämpfen
hatte, die glücklicherweise nie eingetreten war. Sie war zu dem
Schluss gekommen, dass die Bilder, die sie gesehen hatte, Bilder aus
der Zukunft waren, aus der die andere Lucy gekommen war... Bilder
einer Zukunft, in der bereits alles verloren war. Solche Bilder
wollte sie nicht sehen. Es musste einen Weg gehen, Bilder zu sehen,
mit denen sie die Zukunft retten konnte, bevor es so weit war.
„Eine Zukunft mit
Wendy...“, murmelte sie, so leise, dass sie es selbst kaum hörte
und so unbewusst, dass sie gar nicht merkte, dass sie es laut
aussprach.
Als sie die nächste
Wolke umflog, darum einen größeren Bogen machte, als nötig gewesen
wäre, viel ihr in der Ferne eine merkwürdig bekannte Gestalt auf,
die zu Boden zu rasen schien. Charle kniff die Augen zusammen,
versuchte, zu erkennen, um wen es sich handeln konnte... und
realisierte erst, als sie die Person schreien hörte, dass sie
dringend helfen musste.
Schnell brachte sie ihre
Flügel auf die volle Spannweite und schlug mehrmals kräftig zu, um
genug Schwung zu bekommen. Es dauerte so nicht lange, bis sie die
Distanz, die zwischen ihr und der fremden Gestalt überwunden hatte,
doch fiel diese schneller, als Charle sie eingeholt hätte. Also
legte sie ihre Flügel an, wie sie es vorhin schon aus Spaß getan
hatte, schoss dem Boden entgegen, fing die Gestalt auf, breitete ihre
Flügel aus – doch zu zweit war sie zu schwer, um sich genug
abbremsen zu können.
Sie gingen beide zu
Boden, rollten einige Meter über den moosigen Waldboden unter ihnen,
bis sie auf einer Lichtung zum Stehen kamen. Charle ächzte und stieß
ein schmerzerfülltes Keuchen auf, war aber dem Schicksal dankbar
dafür, dass sie über einem Wald abgestürzt war und nicht über
einem Berg.
Als sie den Blick zu der
Gestalt schwenken ließ, die sie gerettet hatte, blieb ihr jedoch der
Atem weg.
„... du!“
Bei der Gestalt handelte
es sich um niemand anderen als Shagotte, die Königin der Exceed aus
der anderen Welt Edolas! Diese Person, bei der sie schon immer so ein
komisches Gefühl gehabt hatte, wenn sie in ihrer Nähe war, bei der
sie sich schon immer gleichzeitig unwohl und doch so verwirrend
geborgen gefühlt hatte...
Shagotte rappelte sich
auf und hob ihr Kleid an, um die Schürfwunde an ihrem Knie zu
betrachten, die sie sich beim Sturz zugezogen hatte. Es war keine
schwere Verletzung, aber es würde ihr das Laufen definitiv
erschweren. Und in ihrem Zustand, mit nur einem Flügel, war sie auch
nicht in der Lage, zu fliegen. Immerhin hatte der Versuch dazu sie
überhaupt erst in diese Lage gebracht...
„Du... was machst du
hier?! Und wo ist deine ganze Gefolgschaft, hm?!“
Charle konnte sich selbst
nicht erklären, warum sie immer so bissig wurde, wenn Shagotte in
der Nähe war. Aber diese Mischung aus so unterschiedlichen Gefühlen,
die sie empfand, wenn sie
Shagotte auch nur ansah,
war zu viel für sie.
Das sollte ein
entspannender Tag werden, etwas Ruhe nach all dem Chaos der letzten
Wochen. Ein bisschen die Flügel ausbreiten und einfach nur dem Wind
lauschen, während er die Ohren im Flug umspielt... wieso musste es
nun so weit kommen?
„Charle...“, meinte
Shagotte bedeutungsschwanger, als hätte sie bereits damit gerechnet,
an diesem Ort, zu dieser Zeit auf Charle zu treffen. Und da auch
Shagotte dazu in der Lage war, Visionen zu sehen, war sich Charle
sicher, dass sie genau das schon vorher gewusst hatte. Ob sie darauf
gebaut hatte, von Charle gerettet zu werden? War sie am Ende etwa nur
ein Spielstein in ihrem Spiel? Sollte es wieder so werden wie in
Edolas, wo Charle von Visionen geleitet wurde, die sie nicht
verstand, nur dass sie diesmal nicht diejenige war, die sie sehen
konnte?!
Shagotte stand auf, doch
knickte sie sofort wieder zusammen, weil die Schmerzen in ihrem Bein
doch zu stark waren. Für einen Augenblick zögerte Charle, wollte am
liebsten sofort wieder umkehren, auf der Stelle zurück nach Magnolia
fliegen und einfach alles vergessen. Schön mit Wendy plaudern, sich
von Happy einen stinkenden Fisch andrehen lassen, über die anderen
in der Gilde lachen, die sicher wieder irgendeinen Unfug
anstellten...
Aber sie tat es nicht.
Stattdessen stieß sie einen tiefen Seufzer aus, ging zu Shagotte
hinüber und bot ihr ihre Schulter an, um sich darauf abzustützen.
Die Königin der Exceed sah die kleinere Katze verwundert an,
widersprach aber nicht, sondern nahm die Schulter dankend an.
Die beiden gingen so ein
kleines Stück, bis sie zu einem Felsvorsprung gekommen waren, der am
Rand der Lichtung emporragte. Er lag zur Hälfte im Schatten,
zwischen den Blättern der Bäume schienen einige Sonnenstrahlen
hindurch, die ein beinahe magisches Muster auf den Stein zeichneten,
dass sich mit jedem Windhauch veränderte.
Charle half Shagotte
dabei, sich auf den Vorsprung zu setzen und setzte sich dann selbst
neben sie – nicht aber, ohne einen gewissen Abstand zu wahren und
ihr den Rücken zuzukehren.
„... du hast meine
Frage nicht beantwortet“, raunte Charle nach einiger Zeit des
Schweigens.
„Welche Frage?“
„Was du hier machst.“
Shagotte hielt kurz inne,
nickte dann aber, als wollte sie sich selbst die Erlaubnis dazu
geben, weiter zu sprechen.
„Ich... wollte
fliegen.“
Charle blickte auf,
drehte sich halb zu Shagotte um, sodass sie deren Gesichtsausdruck
sehen konnte. Auf dem Gesicht der Königin war nun keine royale Miene
mehr zu seine, kein Lächeln, das nichts verriet – es war das
Gesicht einer Person, die daran gescheitert war, sich einen Traum zu
erfüllen. Charle schnürte sich das Herz in der Brust zusammen, als
sie diesen Anblick sah. Sie wollte es nicht, doch sie konnte nicht
anders, als Mitleid zu empfinden. Mitleid für diese arme Frau, deren
Wunsch ihr verwehrt wurde, weil die Natur sie anders werden ließ als
die anderen...
„Wieso... wolltest du
fliegen?“
Es dauerte einige
Minuten, in denen keine von beiden ein Wort sagte, bis Charle sich
traute, diese Frage zu stellen. Sie fürchtete, dass sie darauf keine
Antwort kriegen würde, dass diese Frage zu schmerzhaft war, zu tief
in der Wunde bohrte.
Doch zu ihrer
Überraschung erntete sie keinen Zorn, keine Wut, die ihr mit bösen
Worten entgegen geschleudert wurde.
Nein, all das blieb ihr
erspart.
Stattdessen sah Shagotte
sie an, schenkte ihr ein warmes, herzerfüllendes Lächeln, das
Charle einen wohligen Schauer über den Rücken laufen ließ. Dieses
Lächeln... ihr war, als hätte sie es irgendwo schon einmal gesehen.
Es war schon lange, lange her. In einem Traum vielleicht...
„Weißt du das denn
nicht selbst?“
Als Shagotte diese Worte
sagte, blickte sie erst Charle an und sah dann hinauf in den Himmel.
Dieser war immer noch so wunderschön blau und von der strahlenden
Sonne erleuchtet wie zuvor, als hätte er gar nicht bemerkt, dass sie
hier unten waren, ihn abrupt verlassen und gegen die einengende Erde
eingetauscht hatten.
Charles Blick blieb lange
am Himmel hängen, folgte einem Vogel, der in die Ferne davon flog,
einer Wolke, die sich zu Formen veränderte, den Charle Namen geben
wollte, wie sie es so oft mit Wendy getan hatte, als sie beide noch
kleiner gewesen waren und im Gras gelegen hatten. Sie merkte dabei
nicht, wie Shagotte sie ansah, dabei immer noch lächelte, aber ein
Lächeln auf den Lippen trug, das auch von Trauer gezeichnet war.
Die Trauer, sein Kind zu
sehen, das nicht weiß, dass es seine Mutter vor sich hat.
Die Trauer, ein Kind zu
sehen, dass bereits zu einer Frau geworden ist und sein eigenes Leben
lebt, ohne dass man daran teilhaben darf...
Als sie am Morgen die
Vision gesehen hatte, dass sie auf Charle treffen wird, die sie
retten wird, hatte sie überlegt, einfach den Versuch, heute alleine
zu fliegen, sein zu lassen. Sie wollte sich nicht damit quälen
müssen, nicht fliegen zu können und noch dazu auf ihre Tochter zu
treffen, der sie immer noch nicht die Wahrheit sagen kann. Auch
sieben Jahre nach ihrem letzten Aufeinandertreffen noch immer
nicht...
Aber der Ruf des Windes
hatte sie zu sehr in ihren Fängen, als dass sie hätte widerstehen
können. Heute war der einzige Tag, wo es ihr möglich gewesen ist,
sich davon zu schleichen, ohne dass es jemand bemerkt. Der einzige
Tag in einer unbekannten, ewig langen Zeit, der sich ihr bieten
würde, um selbst zu fliegen, selbst den Himmel zu entdecken. Ohne
gestützt werden zu müssen und sich von allen wie eine Königin auf
einer Sänfte behandeln lassen zu müssen.
„... wenn du willst.“
Shagotte schreckte auf,
sah Charle verwundert an. Sie war so in ihren Gedanken verloren
gewesen, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, dass Charle etwas
gesagt hatte.
„Entschuldigung, ich
war kurz abwesend. Was hast du gesagt?“
Charle rümpfte die Nase,
wiederholte aber brav noch einmal, was sie gesagt hatte: „Ich
sagte, ich werde dich nach Hause bringen, wenn du willst.“
Für einen Moment wusste
Shagotte nicht, wie sie darauf reagieren sollte, doch bevor ihre
Gedanken überhaupt so weit waren, diese Tatsache zu verarbeiten,
handelte ihr Körper von alleine. Sie ließ sich von Charle stützen
und beide breiteten ihre Flügel aus. Shagotte fühlte, wie Charles
Flügel sich über ihren Rücken legte, die beiden wie Eins waren,
als sie in den Himmel emporstiegen.
Als sie über die
Baumkronen stiegen und wenig später hoch genug waren, um die gesamte
Landschaft überblicken zu können, bleib Shagotte der Atem weg. Es
war so wunderschön... das war das Gefühl, nachdem sie sich so lange
gesehnt hatte. Frei sein. Fliegen. Eins sein mit dem Wind. Doch sie
war nun mit etwas noch viel Besserem Eins – mit ihrer Tochter, die
neben ihr war, ein Lächeln auf den Lippen, als hätte sie erkannt,
wie wichtig es Shagotte war, zumindest dieses eine Mal in ihrem Leben
durch die Lüfte zu fliegen, ohne dabei die Königin der Exceed oder
die Herrscherin von Extalia zu sein.
Einfach nur Shagotte –
eine einfache Frau, die frei sein wollte.
Beide schlossen die Augen
und ließen sich vom Wind tragen. Wohin er sie auch führen mochte,
es war egal. Sie waren frei.
~*~*~*~*~
Epilog – Wasser,
Wind und Wellen
Graue Wolken verdeckten
die Sonne, tauchten den Hafen von Hargeon in ein schummriges Licht.
Das Meer rauschte, peitschte manchmal gegen die Klippen, aber war
nicht stark genug, um sich gegen die gewaltigen Felsen des Landes zu
behaupten.
Natsu und Lucy standen
auf einer Klippe und überblickten das Meer. Natsu hatte seinen Arm
um Lucys Schultern gelegt und lächelte, Lucy trug den Schal, den
Natsu einst von Igneel geschenkt bekommen hatte. Eine Hand hatte sie
auf ihrer rechten Schulter liegen, die Finger waren mit denen von
Natsu verschlungen, die andere ruhte auf ihrem deutlich gewölbten
Bauch.
„Erinnerst du dich
noch? Hier hat alles angefangen...“, murmelte Natsu, beinahe zu
melancholisch für einen Hitzkopf wie ihn. Er fuhr sich mit seiner
freien Hand durch die Haare und über seinen Bart, bevor er sie
wieder in der Hosentasche verschwinden ließ.
„Ja...“, antwortete
Lucy, als sie ihren Kopf an Natsus Schulter lehnte und die Augen
schloss, „Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal mit so einem
Idioten wie dir zusammenkomme.“
Natsu wollte sich
verteidigen, brachte aber nicht mehr als ein gespielt empörtes „Ey!“
heraus, bevor er seinen Kopf auf Lucys sinken ließ und ebenfalls die
Augen schloss.
So standen die beiden da,
in ihrer eigenen kleinen Welt, an dem Ort, an dem alles begann und an
dem Natsu Lucy vor so langer Zeit daran erinnert hatte, wie stark
ihre Gefühle für ihn gewesen waren.
Sie merkten dabei gar
nicht, dass Romeo auf sie zukam. Aus dem Jungen war ein junger Mann
geworden, der seinem Vater in dessen besten Tagen zum Verwechseln
ähnlich sah. Einzig und allein den Schal, den er sich im Andenken an
Natsu während der schwarzen sieben Jahre, wie die Gilde sie getauft
hatte, zugelegt hatte, trug er noch, das letzte Zeichen einer Zeit,
in der er nicht er selbst sein konnte, sondern für seine Familie
jemand anderes, jemand stärkeres sein musste.
Er blieb einen Moment
hinter ihnen stehen, bevor er sich räusperte, um so ihre
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Ich will ja nicht
stören, aber es geht bald los. Ihr wollt sicher nicht ihren Zorn auf
euch ziehen, wenn ihr zu spät zu der Feier kommt, oder?“
Natsu zuckte zusammen,
doch Lucy lachte nur und erwiderte: „Nein, das wollen wir wirklich
nicht. Und von der Erdbeertorte will ich auch noch was abhaben. Also
sollten wir uns lieber auf den Weg machen.“
Zu dritt gingen sie in
Richtung der Stadt, wo sie von Charle, Happy und ihren beiden
Töchtern bereits erwartet wurden. Je weiter sie gingen, desto mehr
ihrer Freunde schlossen sich ihnen an. Gray, Juvia, Wendy, Gajeel,
Levy, Lily, ja, sogar einige der Exceed waren gekommen und ein paar
Mitglieder der anderen Gilden wollten diesen großen Tag auch nicht
verpassen.
Sie alle gingen gemeinsam
zur Marina und versammelten sich dort auf einem Schiff, dessen
schneeweiße Segel im Schein der Sonne, die gerade ihren Weg hinter
den Wolken hervor gefunden hatte, leuchteten, als wären sie aus
Eiskristallen. Erst, nachdem die gesamte Gruppe sich auf dem Schiff
verteilt und in einem Halbkreis aufgestellt hatte, betraten die
beiden wichtigsten Personen des Tages das Schiff.
Unter dem Dröhnen von
vertrauter Musik schritten sie ein, Seite an Seite, hin zu Makarov,
der seine inzwischen komplett weißen Haare heute unter einem ebenso
weißen Zylinder verbarg.
„Nun, wo die beiden da
sind, können wir ja beginnen“, fing er an, mit seiner gewohnt
tiefen, aber freundlichen Stimme. „Wir haben uns heute hier
versammelt, um diese beiden Menschen mit dem Wasser, dem Wind und den
Wellen als Zeuge zu Mann und Frau zu erklären...“
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