Diese Geschichte ist erst vor Kurzem entstanden, nachdem mich die Geschichte meiner guten Freundin Rave zum Schreiben inspiriert hat. Um die Geschichte vollends genießen zu können, empfehle ich euch, erst Raves Geschichte "Verzeih mir" zu lesen und dann diese Geschichte hier. Vor allem wird dann das traurige Ende sehr viel erträglicher. Ihr seid hiermit gewarnt.
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| Fanart von d-eliade |
Als wollten die Wettergötter ihr einen
Streich spielen, schien die Sonne heute so hell, wie sie es schon
lange nicht mehr getan hatte.
Sie hätte sich Regen gewünscht, unter
dem sie ihre Tränen hätte verdecken können, Nebel, der allen die
Sicht auf ihre geröteten Augen nimmt, Wind, der ihr die Haare ins
Gesicht bläst und so einen Vorhang schafft, mit dem sie sich von der
restlichen Welt abschirmen kann... aber sie wurde mit gleißendem
Sonnenlicht bestraft, das durch das große Fenster zu ihrem Bett
drang. Ein leichter Wind umspielte die Vorhänge, ließ sie ein wenig
flattern, als würde eine unsichtbare Hand an ihnen entlang fahren.
Und sie lag einfach nur da, die Decke
über den Kopf gezogen und spürte, wie die Tränen über ihre Wangen
rannen und sich auf dem Laken verteilten. Sie hatte jede wache Minute
in dieser Nacht damit verbracht, die Tränen zu unterdrücken, sich
dazu zu bringen, wieder zu schlafen, alle Stimmen in ihrem Kopf
einfach zu ignorieren. Und die längste Zeit hatte sie damit auch
Erfolg gehabt. Aber als sie zuletzt eingeschlafen war, hatte ihr
Geist ihr einen Streich spielen wollen: Sie hatte von ihm
geträumt. Hatte geglaubt, seine zarten Berührungen auf ihrer Haut
zu spüren, seine Atem auf ihrem Hals, endlich wieder seine Lippen
auf ihren zu spüren, die Lippen, nach denen sie sich so sehr gesehnt
hatte, all die Jahre lang...
Doch er
war nicht da.
Als sie aufgewacht war, allein in ihrem
Bett, hatte sie es nicht mehr an sich halten können. Die Tränen
begannen zu fließen, als hätte man tief in ihr ein Tor geöffnet
und ließe nun allem, was sich so lange angestaut hatte, freien Lauf.
Sie versuchte, ihr Schluchzen zu unterdrücken, wollte wenigstens
niemanden wecken, wenn sie schon die Kontrolle über sich selbst
verlor. Und so weinte sie still, wie sie es in den letzten Jahren
schon so oft getan hatte. Sie weinte bittere Tränen, die nur für
sie allein bestimmt waren.
Als sie sich wieder gefasst hatte, war
die Sonne bereits komplett aufgegangen und schien nun mit so einer
Stärke in den Raum hinein, als würde sie nicht zulassen wollen,
dass irgendjemand heute den Tag im Inneren verbrachte. Wie sie diesen
dummen Feuerball dafür verfluchen könnte.
Langsam und schwerfällig schob sie die
Decke beiseite und stieg aus dem Bett. Auf dem Weg ins Badezimmer
ließ sie einfach ihr Nachthemd – eigentlich ein viel zu großes
Shirt, das einst ihm gehörte, aber schon lange seinen Geruch
verloren hatte – fallen und schlurfte nackt weiter. Erst eine kalte
Dusche konnte ihre Sinne einigermaßen wecken. Danach zog sie sich
ihre Unterwäsche an, wickelte ein Handtuch um ihren Kopf und
entschied sich dazu, heute sogar mal wieder etwas Make-Up aufzulegen
– nur das Beste für ihn, nicht wahr?
Als sie wieder in ihrem Zimmer
angelangt war, führte ihr Weg sie direkt zu ihrem Kleiderschrank.
Sie öffnete die Türen und griff hinein, hatte ein langes, schwarzes
Kleid in der Hand – doch sie hängte es wieder zurück, nachdem sie
es einen Moment lang angesehen hatte. Stattdessen schob sie die
Kleider ein wenig zur Seite, schob sie auf der Stange immer weiter
nach rechts, um an das Kleid zu kommen, das ganz links in ihrem
Schrank hing, normalerweise von all den anderen Kleidern verdeckt.
Ein orangenes Kleid. Das, was sie
anhatte, als er sie das erste Mal nach einer Verabredung
gefragt hatte. Das, von dem er gesagt hatte, dass es ihr so gut
stände, dass er sie am liebsten die ganze Zeit darin ansehen würde.
Das, was sie auch anhatte, als er ihr den Ring übergeben hatte.
Als sie den Schrank wieder schloss, das
Kleid in der Hand, fiel ihr Blick auf den Ring, den sie immer nach an
ihrem Finger trug. Sie hatte schon oft überlegt, ihn abzulegen. Aber
sie wollte es nicht. Nein, sie konnte es nicht. Den Ring
abzunehmen... das, was ihre Verbindung beinahe besser symbolisierte
als alles andere, das übertraf einfach ihre Kraft. Zu Anfang hatte
sie immer gehofft, dass er zurückkommen würde, solange sie
nur den Ring trägt. Sie hätte ihm dann sofort die frohe Botschaft
erzählt und stolz den Ring emporgehoben, so wie sie es es alle auch
jedes Jahr beim Erntefest mit dem Symbol ihrer Zusammengehörigkeit
taten. Doch je mehr die Jahre vergingen, desto mehr wurde aus dem
Ring an ihrer Hand eine Kette. Schweres Eisen, das sie zu Boden
zerrte und dort ankettete, nicht mehr emporkommen ließ, egal, was
sie auch tat. Sie hätte die Ketten sprengen können, den Ring
abnehmen, sich befreien – aber das wollte sie nicht. Sie hatte
immer darauf gehofft, dass er kommen und die Ketten lösen
würde.
Doch er kam nicht.
Beinahe andächtig zog sie sich das
Kleid an. Sie hatte es nicht mehr getragen, seit er damals
gegangen war. Doch sie hatte es immer aufbewahrt, Löcher gestopft,
die durch Motten und das Alter verursacht wurden und sie hatte es
sogar einmal weiter genäht, als sie in ihrem Kummer etwas zugenommen
hatte. Jetzt, wo sie wieder abgenommen hatte, wirkte es ein wenig zu
groß, doch das machte ihr nichts aus. Sie legte einen Gürtel um und
schnürte das Kleid so zurecht. Erst, als sie ihn schloss, merkte
sie, dass es sein Gürtel war.
Nachdem sie noch einen Augenblick ihr
Spiegelbild betrachtet hatte, verließ sie den Raum und schloss leise
die Tür hinter sich. Sie ging in das Nebenzimmer und kniete sich
neben das Bett, in dem ein kleiner Junge seelenruhig schlief. Seine
schwarzen Haare, die im Licht der Morgensonne einen leicht blauen
Schimmer hatten, waren so wuschelig, als hätte er in der Nacht gegen
Drachen gekämpft. Sie musste bei dem Gedanken traurig Lächeln.
Ganz wie der Vater.
Sie gab dem Jungen einen sanften Kuss
auf die Stirn und verließ den Raum dann wieder. Schloss auch hier
hinter sich die Tür und blieb noch ein wenig davor stehen. War es
die richtige Entscheidung, ihn nicht mitzunehmen? Sie musste es
sein... sie wollte ihm nicht mit einem Wissen belasten, das er in
seinem Alter noch nicht verstehen konnte. Irgendwann würde er es
erfahren... irgendwann.
Einige Minuten später hatte sie sich
wieder gesammelt. Sie holte noch einmal tief Luft, als würde sie
gleich in tiefes Wasser springen, dann verließ sie das Haus.
Vor dem Haus wartete schon jemand auf
sie. Eine blonde Frau, deren Haare zu zwei Zöpfen links und rechts
zusammengebunden war, stand an einen Baum gelehnt und wartete. Sie
musste schon länger dort gestanden haben, denn eigentlich waren sie
schon früher verabredet gewesen. Aber sie hatte nicht geklingelt,
weil sie wohl gewusst hatte, dass an diesem Tag Eile fehl am Platz
war. Denn das, was sie gleich tun würden, wollte keine von ihnen.
„Bist du bereit?“, fragte die
Blonde nun, kam mit einem verständnisvollen Lächeln auf sie zu.
„Kann man für so etwas bereit sein?“
Die Blonde antwortete nicht, schüttelte
stattdessen nur mit dem Kopf. Sie bot ihre Hand an, die dankend
angenommen wurde. Hand in Hand gingen sie nun den kleinen Pfad
entlang, der von der Wohnung zur Hauptstraße führte. Dort warteten
bereits andere vertraute Gesichter auf sie, schenkten ihr alle das
gleiche verständnisvolle Lächeln, das auch die Blonde eben im
Gesicht gehabt hatte. Ein Lächeln, das Wärme vermitteln sollte,
aber das doch nur die Kälte verriet, die alle an diesem Tag in ihrem
Herzen trugen.
In einer kleineren Gruppe gingen sie
weiter ihren Weg entlang durch die Stadt. Noch war es ruhig, das
morgendliche Treiben der Händler, die ihre Stände auf dem Markt
eröffneten, war alles, was die Stille brach. Keiner von ihnen sagte
ein Wort, keiner versuchte, sich zu unterhalten. Sie alle wussten,
dass es nicht richtig gewesen wäre.
Nach einem etwas längeren Fußmarsch
waren sie an ihrem Ziel angekommen. Sie standen nun alle am großen
See, an dem sie vor so vielen Jahren gekämpft hatten. Sie selbst war
damals nicht dabei gewesen, lag im Krankenhaus, weil er damals
noch nicht der Mann war, den sie geliebt hatte. Die Liebe musste sich
erst ihren Weg durch die Angst und die Furcht bahnen, bis sie ihre
beiden Schicksale für immer verbinden konnte.
Ein älterer Mann wurde in einem
Rollstuhl von einem großgewachsenen Blonden herangeschoben und
schenkte ihr ebenfalls ein Lächeln und strich sanft über ihre Hand.
Dann bedeutete er dem Blonden, dass er näher ans Wasser geschoben
werden wollte, so, dass alle einen guten Blick auf ihn haben würden.
Als das geschehen war, schaute er sich einmal um und nickte dann,
bevor er die Stimme erhob. Diese bebte und krächzte ein wenig, als
würde sie im nächsten Moment brechen, als würde der alte Körper
nachgeben, doch noch hielt er stand.
„Ich sehe, es haben sich alle
versammelt. Das ist gut.“
Er nickte bedächtig, bevor er
fortfuhr: „Wir haben uns heute hier versammelt, weil es jetzt genau
fünf Jahre her ist, dass wir einen aus unserer Mitte verloren haben.
Er ging, um uns Ehre zu bringen, aber er blieb fort und hinterließ
uns nur Trauer.“
Bereits jetzt füllten sich die Augen
einiger Anwesender mit Tränen. Doch nicht ihre. Sie hatte genug
geweint. Die Tränen heute morgen sollten ihre letzten gewesen sein.
„Das Gesetz will ihn jetzt für tot
erklären, doch für uns wird er immer weiter leben. Wir geben die
Hoffnung nicht auf, dass er noch irgendwo da draußen ist und zu uns
zurückkommen wird.“
Jetzt begann auch er zu weinen. Dieser
Anblick wäre sonst schon genug gewesen, um auch ihr Tränen
abzuringen, denn sie konnte diesen Mann, der sie einst aufgenommen
und groß gezogen hatte, nicht weinen sehen. Es brach ihr das Herz,
es nun tun zu müssen. Und ihr Herz brach erneut, weil sie keine
Träne deswegen vergießen konnte.
„Er war für mich wie ein eigenes
Kind, so wie ihr alle...“, mit jedem Wort brach nun seine Stimme,
wurde von Tränen fast erstickt, „Und er hat mir sogar noch einen
Enkel geschenkt, bevor er verschwunden ist. Doch dieser Enkel wächst
nun ohne einen Vater auf. Und so sehr ich mich auch immer bemüht
habe... bei euch allen... kann unsere Familie doch nie den eigenen
Vater ersetzen.“
Er begann nun zu krächzen und
fürchterlich zu husten. Der blonde Mann neben ihm beugte sich
besorgt zu ihm runter, wollte ihn schon aus dem Rollstuhl heben und
wegtragen, doch wurde er mit einer starken Handbewegung abgewiesen.
Das hier musste erst beendet werden. Ganz egal, in welchen Zustand
das seinen Körper brachte.
„Und auf den Wunsch der Person hin,
die ihn von uns allen am besten kannte...“, er nickte ihr zu und
sie legte eine Hand auf ihr Herz und nickte zurück, „... haben
wir, die wir ihn kannten, heute hier versammelt, um zu schwören,
dass wir die Generationen nach uns ohne diesen Schmerz, den wir alle
fühlen, aufwachsen lassen wollen.“
Er hob nun die Hand und die anderen
taten es ihm gleich. Sie spreizten alle den Daumen und den
Zeigefinger ab und reckten die Hand gen Himmel. Für eine Minute, die
sich wie eine Ewigkeit anfühlte und in der sie ihre Augen
geschlossen hatte, verblieben sie so. Dann nahmen sie alle wieder den
Arm herunter und sah sie betrübt an.
Einige gingen zu ihr, gaben ihr ein
kleines Geschenk oder aufmunternde Worte mit auf den Weg, andere
gingen wortlos und nickten ihr nur zu, als sie gingen. Der alte Mann
wischte sich die Tränen ab, als er in dem Rollstuhl vor sie
geschobene wurde und sie bückte sich, um ihn zu umarmen. Ihre blonde
Freundin blieb bis zuletzt, wartete, ob sie ihr folgen würde, wurde
dann aber von ihrem Ehemann an der Hand genommen und weggezogen, um
ihr die Ruhe und den Freiraum zu gönnen, den sie brauchte.
Sie ging einige Schritte zum Wasser und
setzte sich dort hin. In der Sonne, die nun hoch genug stand, um
schon ihre wärmenden Strahlen über die ganze Stadt zu verteilen,
sah der See aus wie ein leuchtendes Meer aus purem Licht. Wie gerne
hätte sie diesen Anblick mit ihm gesehen. Wie gerne hätte
sie noch so viele Dinge mit ihm zusammen erlebt...
Doch es sollte nicht sein.
Sie nahm eine Kette aus der Tasche, die
ihr eben einer ihrer Freunde geschenkt hatte. Für einen Moment
betrachtete sie diese Kette in ihrer Hand, schwenkte sie in der
Handfläche umher und bewunderte das Glitzern des Metalls, bevor sie
den Verschluss öffnete. Mit einem Ruck, als würde sie einen Stachel
entfernen, zog sie daraufhin den Ring von ihrem Finger, fädelte die
Kette hindurch und schloss diese hinter ihrem Hals.
Sie war noch nicht bereit, sich von
seinem Ring zu trennen... aber sie wollte diese Last nicht
mehr an ihrem Finger tragen. Sie durfte sich nicht von dieser Bürde
zu Boden ziehen lassen, sie musste stark sein und weiterleben. Zu
seinem Gedenken... für seinen Sohn.
Als ihr doch die Tränen kam, jetzt, wo
sie alleine war und über all diese Dinge nachdachte, schloss sie die
Augen und ließ sie ihre Wangen hinablaufen. Sie griff nach dem Ring
an der Kette, führte ihn zu ihrem Mund und küsste ihn zärtlich.
„Leb wohl, Gajeel... ich werde dich
immer lieben...“

Meine Meinung und meinen Freudenausbruch kennst du zwar schon aber trotzdem.
AntwortenLöschenDie FF ergänzt sich so wundervoll mit meinem Original, als ob es wirklich ein Teil davon wäre. Und es ist so traurig... allein wenn ich dran denke könnte ich erneut anfangen zu heulen.
Vielen vielen Dank nochmals für diese wunderschöne Geshichte! *heul*
Deine Rave
Ich freu mich immer noch wie ein ganzes Schnitzelbuffet, dass dir der OS so gut gefallen hat! Es ist schön zu sehen, dass eine spontane Idee von mir bei dir so große Auswirkungen gezeigt hat! :3
LöschenDieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
AntwortenLöschenWhaaaa
AntwortenLöschenIch liebe dieses Sequel
Einfach wunderschön.
Dank Rave hast du jetzt einen FF-Stalker mehr :3
Ich freue mich auf ganz viel mehr
Dann heiße ich dich mal als Stalker Willkommen und hoffe, dass dir meine Geschichten das ein oder andere Mal gefallen werden! =D
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